Das Haus.

Das Bad war ein finsteres Loch. Manchmal kam ich zu spät zur Arbeit, weil ich den Gang vom Bett zum Bad hinauszögern wollte. Zudem: es lag gleich neben meinem Zimmer, und mein Hauptmieter hatte zuweilen auch nachts um vier ein Bad zu genommen. Und Altbauten sind leider nicht immer mit dicken Wänden gesegnet...

Anfang Oktober hatte ich das erste mal geheizt. Und zwar das erste mal wirklich selbst geheizt, nicht einfach am Knopf gedreht, damit Wasser von irgendeiner Maschine, einsam und vergessen im nirgendwo sklavisch ihren Dienst verrichtend, erhitzt die Rohre durchläuft. Ich hatte mir das beizeiten erklären lassen, aber es gelang erst nicht so recht und meine Ungeduld tat ihr übriges, das schon geschaffene doch wieder zu zerstören und es war keiner da, den ich hätte fragen können und meine Eltern hörten das Telefon nicht. Aber irgendwann war es doch da, das Feuer, die Glut in dem großen gelben Ungetüm, und es war gut.

Aber auch nur für etwas frischere Oktobertage.

Im Winter aber machten die verzogenen Fensterrahmen, die verzogenen Türen, die ganzen leeren und damit ungeheizten Wohnungen – drei waren nur belegt von elf – die Mühen des großen gelben Ungetüms zu großen Teilen wieder zunichte. Immerhin: es war mit ihm nur noch kalt und nicht bitterkalt. Hielt man sich in der Küche auf, wurde der Gasofen angeschmissen und die Klappe aufgelassen. Auch den Umgang mit dem Gasherd musste ich mir selbst beibringen. Das mit dem Herd hatte ich schnell raus, aber das erste mal, als ich backen wollte, griff ich irgendwann mit verbrannten Fingern auf den Pizzaofen zurück, der seit Ende meiner Tage im Studentenwohnheim meistens in Kellern oder Zwischenböden oder ganz oben auf riesigen Schränken ein Lied der Einsamkeit singt.

Als es Frühjahr wurde, ging mein Wecker kaputt. Aber das war nicht sehr tragisch, ich schlief wieder bei offenem Fenster, in Tegel ging zur passenden Uhrzeit der Betrieb los und die Flieger machten mich wach. Als ich nach ein paar Tagen daran gewöhnt war, übernahm ein Hahn in der Kleingartenanlage, die sich hinter den Häusern ausbreitete, während vor ihnen „richtige Stadt“ war, diese Aufgabe. Und ich habe es geliebt, morgens mit Kaffee am Küchentisch zu sitzen und auf die Kleingartenanlage zu schauen und auf die Flugzeuge und die Rückseiten der Häuser am anderen Ende.

Hach, nie habe ich einen Frühling intensiver wahrgenommen, das Aufbegehren des Lebens gegen das kalte, graue, triste, und der Mauerpark lud wieder ein, mit Falafeln und Bier auf dem Hang Platz zu nehmen.

Irgendwann kam ein Brief von der Hausverwaltung. Dass die Gentrification an die Tür klopfen und sie kein Erbarmen mit einem alten Kiffer und dessen Untermieter haben würde, war von Anfang an klar. Mein Hauptmieter meinte zwar noch, das wäre ein Bluff, aber sie klopfte immer lauter und als sie die Dielen und Kachelöfen der leeren Wohnungen rauskloppte, war sie nicht mehr zu ignorieren. Ich machte mich daran, mir eine neue Bleibe zu suchen. Es zog sich hin...

Nach einer Weile mussten die Leute ganz raus. Nun ist das Haus eingerüstet, bald werden die Jugendstilkacheln im Treppenhaus Granitplatten weichen müssen und die schönen großen Fenster im Treppenhaus einem Fahrstuhl. Die Gegend verkommt.

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